Viele von uns kennen ein eigentlich merkwürdiges Phänomen: Häufige ausgesprochen unangenehme und schwer kontrollierbare innere Dialoge. Ein Teil in uns selber kommentiert uns häufig kritisch und unfreundlich. Die Tiefenpsychologie nennt diesen Teil Über-Ich. Wir können ihn auch unseren inneren Richter nennen.

Die wichtigsten Spielarten, wie unser innerer Richter auftritt, sind:

  • Vorwürfe: Schon wieder bist du viel zu… (vorlaut, feige, dumm, dick, ungeschickt, inkompetent, peinlich, arrogant, undiszipliniert, willensschwach,…)
  • Unterbrechungen von Impulsen, etwas zu sagen oder zu tun. „Halt, Stop! Bist du verrückt? Das darfst du nicht!“
  • Antreiber: Streng dich mehr an, sei schnell, mach um Gottes willen alles richtig,…
  • Zweifel, ob es richtig war, das zu tun oder ob es klug war, das zu sagen, oder etwa ob du eigentlich der Richtige für deinen Job bist, ein guter Ehemann oder eine gute Mutter bist, usw.
  • Die Kernbotschaft des inneren Richters in immer neuen Variationen ist:Du bist falsch!

Manche Menschen haben in besonders starkem Maße ständig mit quälenden, unaufhörlichen Selbstattacken zu tun. Ihr innerer Richter ist sozusagen in Überfunktion. Manche Menschen erleben kaum bewusst etwas Derartiges. In Wirklichkeit ist dies aber ein ständiger Prozess in uns, zu einem großen Teil unbewusst. Das Über-Ich ist mit unserem Ich, unserem Ego, unserem Bild von uns selbst eng verbunden, geradezu verklebt. Fast jeden Impuls, fast jede Regung und Bewegung in uns nehmen wir wahr auch durch diese Brille. Eine reine, unmittelbare und vom Über-Ich unberührte, freie Wahrnehmung und Bewegung ist den meisten von uns kaum möglich. Die Gleichzeitigkeit von Impuls und Kontrolle ist so allgegenwärtig und gewohnt, dass wir es bewusst nicht wahrnehmen.

Die Funktion des Über-Ichs ist, vereinfacht gesagt, das Ego, unser festgefügtes Bild von uns selbst, mit all seinen gewohnten Strukturen und Mustern zusammenzuhalten. Das Ego und viele seiner Strukturen ist entstanden im Zusammenhang mit Schmerzen und Ängsten, es ist im Grunde eine Verteidigungsstruktur gegenüber Gefahren, die in unserer Vergangenheit einmal real gegeben waren, in der Gegenwart aber häufig nicht existieren. Das Ego als Gefahren-Managementstruktur will seine Form, seine Integrität sicher spüren.

In diesem Sinne ist der innere Richter prinzipiell und fundamental gegen alles gerichtet, das wir in der Persönlichkeitsentwicklung anstreben. Er will die alte Form wahren und zusammenhalten, er will kein Wachstum, keine Expansion, keinen neuen Möglichkeiten. Insofern ist es in der Persönlichkeitsentwicklung, vor allem in der Selbstforschung absolut notwendig zu lernen, damit umzugehen, Freiraum zu schaffen für unzensierte Wahrnehmungen und befreiende Bewegungen in die Expansion.

Der gute Umgang mit dem inneren Richter hat zwei Aspekte: Entspannung und Verteidigung.

Entspannung entsteht durch Authentizität, durch Zustimmung zu dem, was ich wirklich bin, denke, fühle, will. (Authentizität ist eine der relevanten persönlichen Qualitäten und ihr ist ein spezielles Kapitel in dieser Teilnehmerunterlage gewidmet.) Wenn wir uns in unsere innere tatsächliche Erfahrung entspannen, wenn wir authentisch werden, wenn wir aufhören, aus Angst vor negativen Folgen zu tun als ob, entst
eht eine tiefe, grundsätzliche Entspannung. Das Ego und sein Aufpasser Über-Ich haben Angst, sie sind eine Verteidigungsstruktur gegenüber Gefahren. Wenn ich nicht aufpasse, werde ich abgelehnt, Halt und Liebe verlieren und vereinsamen, werde ich meinen Job verlieren und verarmen, werde ich letztlich sterben. Deshalb muss ich auf mein Image bedacht sein, muss ich ständig so tun als ob. Als ob ich klug, kompetent, freundlich,… wäre. Als ob ich das und das natürlich wüsste. Als ob ich überzeugt wäre, dies oder das innerhalb kürzester Zeit geschaffen. Usw.

Diese Angst, wann und wodurch immer sie in unserem Leben entstanden ist, täuscht sich. Wenn wir aufhören, ihr zu folgen und entsprechend zu handeln, werden wir in Wirklichkeit keineswegs vereinsamen, verarmen und sterben. Im Gegenteil, wenn wir authentisch mit uns und in der Welt sind, werden wir entspannt, stark und lebendig. Unsere Beziehungen werden echter, nährender, und freier. Unsere Arbeit wird kreativer und erfolgreicher. Wir werden viel lebendiger.

Vielleicht hatten wir im Training das Glück, (so ist es sehr oft) dass wir eine Kostprobe genau dieser Erfahrung hatten. Gegenseitige authentische Begegnungen, entspanntes sich zeigen auch mit vermeintlichen Schwächen und Problemen, eine wohltuende Pause im ständigen Tun als ob – und dadurch freudige Lebendigkeit, optimistisches Selbstvertrauen und Kraft.

Als Folge dieser Erfahrung werden unsere Verteidigungsstrukturen sich auch entspannen. Der innere Richter wird tendenziell ein bisschen Ruhe geben und uns gewisse Freiräume gewähren.

Leider ist das im Alltag nicht immer leicht durchzuhalten. Ego und Über-Ich, unsere Verteidigungsstrukturen und alten Muster geben nicht so leicht auf. Wir werden noch einige Zeit mit ihnen zu tun haben. Deshalb brauchen wir auch kluge und funktionierende Strategien, uns kraftvoll zu verteidigen, wenn der innere Richter wieder zuschlägt.

Die wesentlichen Elemente der Verteidigungskompetenz sind:

  • Erkennen an der Wirkung: Attacken des Über-Ich sind am Inhalt nicht als solche zu erkennen. Sie treten grundsätzlich auf als wahrhaftiger guter Rat. Manchmal haben sie sogar inhaltlich einen wahren Kern, oft auch nicht, oft sind die einzelnen Forderungen und Vorwürfe unseres inneren Richters inkonsistent und widersprechen einander. Zu erkennen sind sie an ihrer Wirkung. Wir fühlen uns verletzt, attackiert, beschämt, minderwertig, klein, entmutigt und resigniert. Faustregel: Immer wenn du dich in dieser Weise schlecht fühlst, ziehe in Betracht, dass du gerade von deinem inneren Richter attackiert wirst. (Zur Klarstellung: Natürlich gibt es auch die angemessene und ehrliche Erkenntnis und Wahrnehmung von etwas Problematischem im eigenen Verhalten jetzt oder in der Vergangenheit. Das kann auch einen Schmerz auslösen. Es kann mir weh tun, wenn ich daran denke, dass ich meinen Sohn grob angeschnauzt habe. Dies ist aber ein klar erkennbar ganz anderes Gefühl, als das Gefühl einer Über-Ich-Attacke.)
  • Desidentifizieren: Einen Unterschied, einen Abstand zwischen dir und dieser Attacke herstellen. Z.B. durch explizites Formulieren des Vorwurfs: „Mein innerer Richter sagt gerade, ich müsse unbedingt…“, „Da findet gerade jemand, ich sei zu…“ Z.B. durch Imagination des Richters als eine Figur (Gnom, Kröte, Wolf, …), die du dir irgendwo im Raum vor dir oder hinter oder neben dir als von dir unterschieden vorstellst. Faustregel: Nimm Abstand, löse Deine Identifikation mit ihr auf, schau auf die Attacke von einem anderen Ort aus. Die Attacke kommt nicht aus deinem Kern. Dort bist du loyal mit deiner realen Wahrnehmung und deinem natürlichen Impuls. Schaffe innerlich Freiraum dafür, der nicht von Vorwurf kontaminiert ist.
  • Nicht diskutieren: Niemals inhaltlich auf die Attacke antworten. Keine Ja-aber-Sätze, keine Erwiderungen, keine Diskussion. Auf der Diskussionsebene ist der Richter nicht zu besiegen. Er hat keine inhaltliche Klugheit und Konsistenz, er ist ein unverbesserlicher Besserwisser.
  • Stop! Manchmal ist es hilfreich und nötig, ganz impulsiv, kraftvoll und plötzlich den Faden der unablässigen Attacken abzuschneiden. Rufe innerlich oder sogar tatsächlich laut „Stop!“ Und dann tu das, was der Richter verhindern wollte.

Im Laufe der Zeit lernen wir in der Selbstforschung, dieses Überich schnell und klar zu erkennen und relativ leicht innerlich einen Freiraum, einen Abstand dazu zu schaffen und auf diese Weise ungestört weiter forschen zu können.

Der Richter tritt natürlich auch und manchmal besonders stark auf, wenn es nicht um Wahrnehmung und Forschung, sondern um Aktion geht. Wenn wir etwas tun, das in unseren Ego-Strukturen ausgeschlossen oder verboten ist, schlägt der Richter Alarm. Dann gilt es zu klären, ob wir etwas tatsächlich Problematisches spüren und erkennen oder ob es eine Attacke des inneren Richters ist. In diesem Fall gilt: Trotzdem tun. Die Angst, das schlechte Gewissen, die Aufgeregtheit spüren – und trotzdem weitergehen und handeln. Das ist der Weg des Wachstums. Zur Klarstellung: Wie gesagt gibt es natürlich auch das tatsächlich Problematische, das wir nicht tun oder möglichst sofort beenden sollten. Diese beiden Fälle sind in Wirklichkeit nicht schwer unterscheidbar. Wenn uns ehrlich und realistisch klar wird, das will ich eigentlich nicht tun, fühlt sich das gut an, befreiend und Boden gebend. Wenn der Richter uns attackiert, fühlt sich das verletzend an. An der Wirkung ist es erkennbar.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen