Das menschliche Bewusstsein kann in unterschiedlichen Weisen in Kontakt gehen mit Objekten oder mit Wirklichkeit. Wir können von unterschiedlichen Bewusstseinsmodi sprechen.

In unserer Kultur und in unserem Alltag sind wir in der Regel vornehmlich den Modus des konzeptuellen Denkens gewöhnt. Wir machen uns Gedanken, wir benennen und formulieren in den Worten unserer Sprache Phänomene und Zusammenhänge. Dies ist eine spezifisch menschliche Möglichkeit, möglich geworden durch die Entwicklung des Großhirns, und sie bietet uns entscheidende Vorteile. Wir können komplexe Zusammenhänge verstehen, komplexe Modelle von Wirklichkeit erstellen, Zeitabläufe im Zusammenhang verstehen und Zukunft antizipieren, komplexe Strategien zur Erreichung von Zielen entwerfen, unsere Annahmen durch Logik und logisch entworfene empirische Experimente prüfen und vieles mehr. Dieser Bewusstseinsmodus konstruiert ständig aus Sätzen und Gedanken bestehende Texte über das Sein und bewegt sich innerhalb dieser Texte. Das Bewusstsein spricht innerlich ständig über sich selbst, über andere, über Probleme und Lösungen, über Ziele und Arbeit, über die Welt und das Leben.

Ein anderer Modus des Bewusstseins, in Kontakt mit Wirklichkeit zu gehen, ist die direkte Erfahrung, das unmittelbar sinnliche spüren und fühlen. Wir können z.B. einen Apfel oder einen Wein schmecken, bei der Anreise im Urlaub irgendwann den Geruch von Meerwasser in der Luft wahrnehmen, aus der Sauna ins Tauchbecken springen und die eiskalte Erfrischung spüren, in einen Raum kommen und eine gespannte, konfliktgeladene Atmosphäre spüren oder ein Baby sehen und in uns das Herz aufgehen fühlen usw..

In der Arbeit mit der Seele ist das unmittelbare Erfahren fundamental wichtig. Die rein gedankliche Beschäftigung mit uns, unseren Blockaden und unserem Potenzial hat kaum eine verändernde Wirkung. Im Reden über Probleme oder Anliegen entsteht oft keine Öffnung, keine Entspannung, keine Kraft, kein Fluss. Dies braucht die unmittelbare Erfahrung. Im Reden über Probleme und Anliegen verändern oder präzisieren wir einen Text über uns. Die Wirklichkeit der Seele bleibt von diesem Prozess meist fast unberührt. Bewegungen der Seele entstehen eher, wenn die beiden Bewusstseinsmodi auf eine bestimmte, gelingende Weise zusammenarbeiten. Zunächst und vor allem braucht es direkte Erfahrung. Die Seele geht auf, wenn sie sich gesehen fühlt, berührt fühlt von einem mitfühlenden Blick. Wenn dann Phänomene auch konzeptuell verstanden und benannt werden in einer präzise treffenden und gleichzeitig achtsamen und auch offen bleibenden Weise, entstehen Bewegungen der Seele.

Wenn ich zum Beispiel das Problem habe und lösen will, dass ich mich über eine bestimmte Person immer wieder furchtbar ärgere, obwohl sie mir eigentlich egal sein könnte, dann kann ich lange und ausführlich über diese Person und ihre Unarten sprechen. Ich kann genau analysieren, was mich an ihr ärgert. Ich kann vielleicht sogar benennen, an welche verletzenden oder quälenden Erfahrungen aus meiner Kindheit sie mich erinnert. Ich kann mir auch sehr genau sagen, was ich besser tun sollte im Umgang mit ihr, statt mich zu ärgern. Das alles hat oft wenig Wirkung darauf, wie ich mich tatsächlich fühle und zu welchem Umgang ich tatsächlich fähig bin. Wenn ich aber Gelegenheit habe und es mir gelingt, in einer bestimmten Langsamkeit, in einem offenen inneren Raum, der nicht von Bewertung und zunächst auch nicht von irgendeiner Intervention gestört wird, das alte quälende Gefühl aus der Kindheit, dass durch diese Person heute aktiviert wird, unmittelbar zu fühlen, ist die Chance groß, dass dies eine tatsächlich wesentlich verändernde und fruchtbare Wirkung hat. Wenn dieser alte Schmerz ans Licht kommt, wenn wir ihn gleichzeitig unmittelbar fühlen und mit unserem wachen Bewusstsein berühren, verstehen und benennen, geschieht oft unmittelbar und fast von alleine eine innere Bewegung zu einer Entspannung, Kräftigung, Klärung oder Neuentscheidung. Diese innere Bewegung ändert etwas. Sie bringt uns in einen anderen Zustand, ein anderes Gefühl und in Kontakt zu unseren Kompetenzen, angemessen zu handeln.

Phänomenologisches Schauen auf die Seele unternimmt genau diesen Versuch einer achtsamen Zusammenarbeit von direkter Erfahrung und konzeptuellem Denken. Nur in einem langen Prozess mit viel Erfahrung und Reflexion ist dies wirklich zu lernen. In der Weiterbildung Systemaufstellungen wollen wir diesen Lernprozess beginnen und auf eine möglichst stimmige Weise ausrichten. Im Wesentlichen geht es natürlich darum, ganz praktisch das Spüren und Fühlen, die unmittelbare Wahrnehmung zu lernen.

Unterstützend für dieses Lernen ist es aber auch, die beiden Bewusstseinsmodi zunächst auch theoretisch zu verstehen. Die Unterschiede zeigen sich in einer Reihe von Dimensionen, die vielleicht in einer tabellarischen Gegenüberstellung am besten deutlich werden.

Konzeptuelles Denken Direkte Erfahrung
Konstruiert vom Bewusstsein Real, das Gegebene, das Sein
Mittelbar, gedacht, vorgestellt Unmittelbar erfahren, sinnlich im Körper gespürt und gefühlt
Tendenz zu Eile, die das Vorankommen treibt Zeitumgang nach Uhr, (Chronos), äußerlich aufgestülpte Strukturen. Tendenz zu Langsamkeit, die das Spüren unterstützt
Zeitumgang nach gespürter Zeit-Qualität, (Kairos).
Wahrnehmung vorgeprägt durch Wissen, Überzeugungen und Erwartungen über das Selbst, den Anderen, die Welt und das Geschehen Wahrnehmung im Nicht-Wissen, relativ offen und unvoreingenommen.
Wahr- und nicht wahrhaben wollen,
Geneigt zu Meidung von Unbekanntem und Überraschung.,Verdrängung von Schmerz
Anerkennen was ist,
Bereit zu Kontakt mit Realität, wie sie ist, auch mit Schmerz, Leiden, Gefahr, Ernst
Kühl, distanziert, rational Mitfühlend, sich der Wirkung der Phänomene auf die eigene Seele aussetzend
Handeln relativ schnell, eingreifend, ausgehend von einem Konzept von Problem und Lösung und sich durchsetzend Nicht-Tun, vorsichtiges Anschauen der Seele ohne eingreifen und erschrecken. Wie man im Wald ein Reh anschauen würde. Vertrauen auf die natürliche Entfaltung, auf das sich Zeigen der Phänomene, auf das sich Finden der Bewegungen der Seele.
Gewissheit über Beweis, Empirie und Logik Gewissheit über die Erfahrung von Evidenz
Struktur logisch, klar, präzise Struktur diffus, bildhaft, Wahrnehmung z.T. sehr subtil

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