Das griechische Wort Phänomen bezeichnet das Erscheinende, das was real existiert und sich von sich aus zeigt, im Unterschied zum vom Denker Gedachten und Konstruierten, dem Konzept.

Die Phänomenologie ist zunächst ein von Edmund Husserl Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelter philosophischer Ansatz der Erkenntnistheorie. Einige wesentliche Aspekte dieser Erkenntnistheorie sind aufgegriffen worden von verschiedenen Ansätzen der Psychotherapie. Nicht das Gespräch und die Präzisierung oder Veränderung von Gedanken über die Probleme des Klienten stehen dabei im Vordergrund, sondern das unmittelbare Wahrnehmen und Spüren der seelischen Erfahrung des Klienten im hier und jetzt.

Dieser Schwenk weg vom Reden und Denken hin zum Spüren und Wahrnehmen schützt vor vorschnellen Gewissheiten. Konzepte bieten immer die Gefahr von Scheingewissheit. Sie können aus Denkgewohnheit heraus schlüssig wirken und doch täuschen. Die phänomenologische Schau auf die Seele bleibt immer vorsichtig gegenüber zu schnellen und zu festen konzeptionellen Interpretationen des Geschehens und nimmt sich viel Zeit für die unvoreingenommene Beobachtung.

In der Psychotherapie ist aber noch wichtiger als Wahrheit und Gewissheit die Wirkung auf die Seele. Eine therapeutische Sitzung, in der vor allem Gedanken über das Problem und seine Ursachen im Gespräch ausgetauscht werden, generiert möglicherweise zwar zutreffende und zunehmend präzise Interpretationen, aber damit noch lange keine Wirkung im wirklichen seelischen Erleben des Klienten. Überspitzt gesagt modifiziert und präzisiert das therapeutische Gespräch Änderungen in einem Text über den Klienten in seinem eigenen Kopf, aber nicht in ihm, seiner Seele, seiner Erfahrung, seiner Lebendigkeit und seinen Möglichkeiten. Im Gegenteil, das ausführliche Thematisieren des Problems und seiner Hintergründe kann das Belastende sogar noch manifestieren und verstärken. Psychotherapie, die das Denken und Reden überschreitet und ins Spüren und Fühlen findet, kann viel tiefer und nachhaltiger heilsam wirken und wirklich ändern.

Diese ändernde Wirkung geht in der phänomenologischen Psychotherapie nur zum Teil von gezielten Interventionen durch den Therapeuten aus. Wesentliche Quelle und wesentlicher Motor der Wirkung ist die spürende Aufmerksamkeit selbst. Die belastete oder eingeengte Seele kommt einfach dadurch, dass sie sich auf eine bestimmte Weise gesehen fühlt, in Bewegung. Auf einmal geht etwas auf, entspannt sich etwas und ein neues Erfahren und auch Handeln wird möglich, z.B. ein Loslassen oder Zustimmen oder eine Versöhnung. Ganz theoretisch gesagt berühren zwei Dinge einander. Die aktuelle

seelische Wirklichkeit des Klienten, z.B. eine Enge und Angst oder eine heimliche Sehnsucht, – und die Aufmerksamkeit und das hinschauende und mit-fühlende und in Kontakt gehende Bewusstsein des Therapeuten. Die Seele des Therapeuten und die Seele des Klienten berühren einander.

Die Seele des Klienten fühlt sich gesehen und kommt dadurch in Bewegung, es entfaltet sich eine Bewegung der Seele, wie wir es in der Aufstellungsarbeit nennen.

Diese phänomenologische Schau auf die Seele hat ganz bestimmte Qualitäten und Haltungen. Die Seele fühlt sich

  • nicht interpretiert und eingeordnet in konzeptionelle Schubladen, sondern gesehen im Mit-fühlen und Spüren
  • nicht bedrängt von treibendem Suchen und Bohren, sondern gesehen in einem ruhigen und viel Zeit lassenden Warten auf die Entfaltung der Phänomene von sich aus
  • nicht bedroht von Eingriff und Manipulation, sondern gesehen in einer achtsamen Haltung, die alles was ist erlaubt und achtet und so sein lässt, wie es ist, im Vertrauen, dass allein aus diesem Blick auf die Wirklichkeit in der Seele von alleine eine lösende Bewegung entsteht, sich entfaltet und ihr Ziel findet.

Diese phänomenologische Haltung ist z.B. auch typisch für die Gestalttherapie. Dort ist sie in der Theorie und in den Weiterbildungen immer betont und gefordert, in der Praxis aber alles andere als leicht. Viele gestalttherapeutische Sitzungen bleiben im Reden stecken und finden nur selten einmal in die sich wirklich öffnende phänomenologische Schau auf die Seele.

In der Aufstellungsarbeit ist das anders. Im Feld der Aufstellung und in der Arbeit mit Stellvertretern geschieht diese Berührung zwischen seelischer Wirklichkeit und mitfühlendem Bewusstsein ganz eigenartig leicht und reich und tief. Das ist erstaunlich. Wieso können Menschen, die nie im Leben meditiert haben und die sonst über ihre eigene seelische Erfahrung oft kaum klar sprechen können, als Stellvertreter im Feld der Aufstellung plötzlich so tief spüren und so direkt seelische Wirklichkeiten wahrnehmen und benennen? Für die Innenschau im Einzelsetting braucht der Klient eine fortgeschrittene Fähigkeit im subtilen Spüren. Für das Sehen und Verstehen in der Aufstellung brauchen das weder der Klient, noch die Gruppe der Stellvertreter. Im Feld der Aufstellung wird das Wesentliche für ganz normale ungeübte Menschen einfach so sichtbar. Ein unfassbares Geschenk. Vor einigen Jahren hat einmal der höchste Geistliche der Sikh-Religion an einem Kongress zur Aufstellungsarbeit teilgenommen. Er sagte in seinem Vortrag, er sei fasziniert, dass diese Fähigkeit der direkten und ganz subtile Dimensionen erreichenden seelischen Wahrnehmung, die in seiner Welt nur als Ergebnis jahrelanger harter übender Arbeit möglich sei, in den Aufstellungen für ganz normale Menschen einfach so entstehe. Wie kommt das eigentlich? Eine kausale Erklärung ist vielleicht schwierig, aber einige Aspekte des Geschehens seien benannt.

  • Im Bild der Aufstellung wird das Wesentliche einfach und direkt im Außen sichtbar. Was sonst im Innen vage und oft getrübt von Zweifeln und ablenkenden Gedanken ahnbar wird, steht in der Aufstellung im Außen einfach klar vor Augen. Die Mutter schaut liebevoll auf ihre Kinder oder sie tut es nicht. Die Familienmitglieder stehen miteinander verbunden oder offensichtlich isoliert. Das ist einfach sichtbar, und wenn nicht, können die Stellvertreter Auskunft geben, was sie spüren. Selbstverständlich schützt die Aufstellung nicht grundsätzlich und hundertprozentig vor Missinterpretationen, aber sie schenkt in der Regel einfache und direkte Sichtbarkeit.
  • Die Stellvertreter werden vom Feld der Aufstellung sehr eingeladen und unterstützt, sich auf das Fühlen und Spüren zu konzentrieren. Z.B. in der Gestalttherapie sind die meisten Klienten immer wieder versucht, ins Reden und in den Kopf zu gehen. Im Feld der Aufstellung herrscht Stille und Lauschen und Spüren. Der Leiter einer Aufstellung muss nur selten einmal dazwischen gehen, wenn das verloren geht. Es sei denn, er hat selber keinen Sinn dafür und geht selber ständig ins Denken und Reden.
  • Das Feld der Aufstellung ist viel größer und kraftvoller, als das Feld Therapeut und Klient im Einzelsetting. Diese Kraft des Feldes unterstützt das Geschehen ganz immens. Alle Prozesse, alle in diesem Feld gefundenen Bewegungen der Seele bekommen eine besondere Prägnanz, vor allem aber Tiefe und Intensität und dadurch auch ihre besonders starke Wirkung im Leben des Klienten.
  • Die Stellvertreter spüren weitgehend frei von unbewussten Widerständen. Wenn da Liebe ist, spüren sie Liebe. Wenn da Angst ist, spüren sie Angst. Wenn da Hass ist, spüren sie Hass. Sie spüren weitgehend unzensiert und klar, jedenfalls viel mehr, als der Klient selbst. Im eigenen Erleben haben wir alle diese Widerstände und inneren Zensurvorgänge. Wir erfahren und erkennen unsere volle seelische Wirklichkeit selber meistens nicht ohne weiteres. Die Stellvertreter können das viel freier und direkter.

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